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Sana kam über ihren Mann Omar zur Über den Tellerrand Community. Im Juli 2016 floh sie aus Syrien zu ihm nach Deutschland und arbeitet seitdem jeden Tag im Sprachkurs fleißig an ihren Deutschkenntnissen. Gemeinsam mit ihrem Mann ist sie seit ein paar Monaten als Köchin für die Über den Tellerrand Kochkurse angestellt und ermöglicht Interessierten eine kulturelle Begegnung auf Augenhöhe. Mit Hilfe ihres Job Buddys sucht sie eine Anstellung in ihrer Profession als Softwareingenieurin und fand in Adriana eine enge Vertraute.

Adriana arbeitet erfolgreich als Unternehmensjuristin für eine Bank in Berlin und meldete sich als Mentorin in Programmrunde 2 an. Sie nahm auch begeistert an der dritten Runde Teil. Die junge Juristin bereicherte jede Programmrunde mit ihrer positiven Ausstrahlung und ermutigte zwei weitere Kollegen, sich ebenfalls als Mentor zu engagieren.

Adriana und Sana

Adriana und Sana, wie lange kennt Ihr Euch jetzt schon?

Sana(S): Seit August 2016.

Adriana (A): Ja, seit ca. 7-8 Monaten.

Wie war Euer erster Eindruck von der jeweils anderen im Kick-Off Meeting?

A: Ich dachte mir: „Jawohl, es ist eine Frau!“(lacht). Ich weiß, ich habe geschrieben ich bin in diesem Punkt offen, doch dann war ich froh, als ich Sana zum ersten Mal gesehen habe.

S: Ja, ich auch. Ich habe speziell nach einer Frau gefragt, damit ich mit ihr ausgehen kann, zu ihr nach Hause…. Mein erster Eindruck war, sie ist sehr jung. Ich dachte ich bekomme eine alte Frau (lacht). Das habe ich in der ersten Programmrunde bei den anderen gesehen.

Wie liefen Eure ersten Einzeltreffen ab?

S: Meine Deutschschule und Adrianas Arbeitsplatz sind so nah zusammen, deshalb haben wir uns oft in ihrer Mittagspause in der Nähe getroffen….

A: Genau, nach ihrem Deutschkurs und in meiner Pause, das war sehr praktisch. Wir haben zusammen schon die unterschiedlichsten Mittagsplätze ausprobiert. Wir haben uns dann stets für etwa eine Stunde getroffen.

S: Wir haben uns dadurch sehr regelmäßig eine Stunde pro Woche getroffen.

Was habt ihr von dem jeweils anderen gelernt?

A: Sana ist so ein ehrlicher und höflicher Mensch. Ich treffe nur noch selten Menschen, die so dankbar für die kleinsten Sachen sind. Manchmal wäre ich gern mehr wie Sana (lacht). Sie ist so diszipliniert und fokussiert. Großartig!

S: Dankeschön! Vielen Dank. Adriana ist …ich weiß nicht wie man das jetzt sagt. In der deutschen Gesellschaft ist es so anders, weißt Du. Sie ist sozusagen mein Idol in der deutschen Gesellschaft. Ich kann so oft ihren Rat gebrauchen, auch bei kleinen Alltagssachen. Ich frage sie zum Thema Einkaufen, Reisen, Jobfragen… einfach alles. Und sie hilft mir jederzeit. Ich bin froh und hoffe, dass sie mir meine vielen Fragen nicht böse nimmt.

A: Nein, niemals. Überhaupt nicht. Es gibt nicht zu viele Fragen (lacht).

Adriana, lernst Du selbst durch Sanas Fragen zum Alltag und dem deutschen System?

A: Ja, auf jeden Fall. Da waren zwei besondere Fragen. Einmal hat sie mich gefragt „Bist Du Christin?“ und ich habe mich dann erinnert…. Ja, wirklich. Ich bin Christin, aber das heißt bei mir nicht, dass man sehr streng religiös sein muss. Es gibt für mich da unterschiedliche religiöse Abstufungen. Ich habe durch diese Frage aber viel mehr darüber nachgedacht und mich selbst wieder mehr mit dem Thema allgemein beschäftigt. Die zweite Frage betraf unsere Frauenrechte in Deutschland. Meine erste Reaktion war, ich verstehe nicht genau was sie meint, und war nicht sicher ob ich die Frage richtig verstehe. Ich habe ihr dann erklärt, in Deutschland sind Frauen und Männer - theoretisch - gleichgestellt. Wir haben auch über gleich-geschlechtliche Liebe und vieles weitere gesprochen. Mir wurde wieder einmal klar wie normal dies in unserem Land ist, aber nicht überall auf der Welt.

A: Neben diesen Treffen haben wir uns auch öfter gesehen. Für einen Geburtstag, Konzertbesuch und so weiter.

Auf was habt Ihr Euch konkret fokussiert, wie seid Ihr vorgegangen?

S: Zu Beginn haben wir uns auf meinen Lebenslauf fokussiert, das Motivationsschreiben und solche Dinge… Und dann wurden wir einfach Freunde und haben über so viele weitere Dinge gesprochen, einfach geredet…

A: Hmm, waren wir wohl etwas abgelenkt (lacht)…

S: Ja, aber Adriana hat mir wirklich viel geholfen, einen guten Lebenslauf zu schreiben und generell eine gute Bewerbung.

A: Im Moment fokussieren wir uns weiter auf einen Praktikums- oder einen Studienplatz, damit Sana praktische Erfahrungen für ihren Beruf sammeln kann.

Und Du lernst auch fleißig Deutsch, Sana.

A: Ja, jetzt schreiben wir mittlerweile nur noch in Deutsch. Sie bekommt nur noch Antworten in Deutsch von mir.

S: Das hilft mir sehr, die Umgangssprache in Deutsch zu lernen und zu verstehen. Denn in der Schule sprechen wir immer auf so eine dramatische Weise. Adriana spricht natürlich auch grammatikalisch richtig, doch sie verwendet viele Redensarten. Diese lernen wir in der Schule gar nicht. Und manchmal frage ich meinen Mann: „Omar, kennst Du dieses Wort?“ Und er kennt es auch nicht, er lernt ja auch nur Hochdeutsch. Das ist wirklich sehr nützlich.

„Sana in ihrer Wohnung das erste Mal ohne ihr Kopftuch zu sehen – das war etwas sehr Besonderes für mich. Ein Gänsehaut Moment.“ - Adriana

Ihr sagt, Ihr habt Euch auch außerhalb des Programmes oft getroffen.

S: Ja, Adriana hat mich zum Beispiel zu ihrem Geburtstag eingeladen, dann waren wir auf einem Konzert. Neulich waren wir im Kino… für eine spezielle Berlinale-Veranstaltung…

S: Da war ein Konzert, das eine Geburtstagskonzert, erinnerst Du Dich? Ein Cellokonzert.

A: Ja. Die Eltern meines Verlobten hatten die Idee, ihrem Sohn ein Cellokonzert zu schenken und ich durfte die Leute einladen. Das Konzert und Gäste waren eine Überraschung für ihn. Es hat sehr viel Spaß gemacht, Sana und Omar waren auch mit dabei.

S: Dann waren wir bei Adriana zuhause eingeladen und sie und ihr Verlobter auch bei uns.

A: Das war ein richtiger Gänsehautmoment für mich. Ich habe sie in ihrem Zuhause das erstmal ohne ihre Hijab [Kopftuch] gesehen. Das war … sehr besonders, auch für mich. Wirklich ein Gänsehautmoment (strahlt).

Wie ist Euer Eindruck von dem jeweils anderen jetzt, was hat sich verändert?

S: Ich hätte anfangs nicht gedacht, dass wir so schnell gute Freunde werden.

A: Ich auch, ich hatte denselben Eindruck und war überrascht.

S: Ich dachte zunächst, wir werden uns nur in den Meet Ups sehen und ab und zu allein. Doch es ist sehr schön so, wie es jetzt ist.

S: Für mich bedeutet es sehr viel, eine deutsche Frau zu kennen, als Freundin, es motiviert mich sehr. Ja wirklich, es ist anders, als wenn ich mit meinen arabischen Freundinnen spreche. Sie sagen oft, ich soll über die Dinge nicht so viel nachdenken. Adriana ist anders, sie gibt mir Lösungen und Antworten, wir diskutieren viel. Es ist sehr interessant für mich.

„Adriana ist für mich ein Vorbild in der deutschen Gesellschaft. Ich kann sie alles fragen und viel von ihr als starke Frau lernen.“ - Sana

Adriana, wie schätzt Du Sanas Chancen auf dem deutschen Arbeitsmarkt ein?

A: Ich denke, sie sind exzellent. Seit wir angefangen haben, haben sich ihre Deutschkenntnisse so stark verbessert. Wir reden mittlerweile nur noch auf Deutsch, wenn wir zusammen sind. Im Gegensatz dazu ist eine Nachbarin von mir schon drei Jahre in Deutschland und spricht kaum ein Wort. Wir verlangen so viel von den Geflüchteten, doch ich denke, Sana weiß mittlerweile viel mehr im Bereich Geschichte durch ihren Integrationskurs als manch andere. Zudem ist sie super organisiert und diszipliniert. Ich bin mir sicher, wenn sie bald die Deutsche B2 Prüfung [fortgeschrittenes Sprachlevel] macht, wird sie schnell ein Praktikum finden.

S: Hmm…. Die Qualifikationen sind hier so hoch. Ich denke ich muss erst ein Praktikum finden, meine Berufserfahrung ausbauen und dann erst kann ich einen Job finden. Wir haben auch über ein Aufbaustudium gesprochen und weitere Möglichkeiten.

Wie hat sich jeweils Euer Blick auf Syrien bzw. Deutschland verändert?

A: Das war einer der Gründe, warum ich mich für das Programm angemeldet habe. Ich hatte keinen Kontakt zur arabischen Welt, Muslimen oder ihrer Religion. Ja, ich bin an Politik interessiert und verfolge die Nachrichten, aber ich wusste nicht wirklich etwas über die Menschen, die ganzen Konflikte. Ich habe Sana jedoch nicht drängen wollen etwas direkt über Syrien zu erzählen, doch ich habe in den letzten Monaten viel über ihr Heimatland gelernt einfach durch ihre vielen Erzählungen, übers Essen und den Alltag. Wir haben auch viel über die aktuelle rechtspopulistische Situation in Deutschland gesprochen und uns ausgetauscht.

S: Ja, ich fand sehr toll, dass alle hier so offen sind und sich wirklich für uns interessieren. Und ich denke, ich habe etwas vom deutschen Lifestyle gelernt. Hier kannst du überall hingehen und vieles machen. Doch man hat mir gesagt, das ist auch etwas Typisches für Berlin. Ich lerne jeden Tag, meine Erfahrungen hier im Programm und mit den Menschen waren so positiv.

Adriana und Sana, vielen Dank für das angenehme Gespräch!