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Ahmad ist bereits seit Längerem Teil der Über den Tellerrand Community. Er lebt im Hause einer deutschen Gastfamilie, von ihrem freien Zimmer erfuhr er in einem der Community Events. Ahmad hat in Syrien Medizintechnik studiert und bereits erfolgreich in diesem Bereich gearbeitet, bevor der Krieg ihn zwang aus seinem Heimatland zu fliehen. Mit Hilfe seines Job Buddys Bilal fand er eine Festanstellung als medizinisch technischer Assistent und einen guten Freund.

Bilal arbeitet für eine große Bank in Berlin und meldete sich als Mentor in Programmrunde 1 an. Seine Eltern sind als Palestinenser aus dem Libanon bereits vor seiner Geburt nach Deutschland geflohen, Bilal ist mit beiden Kulturen daher bestens vertraut. Ahmad ermöglichte ihm einen Einblick in ein unbekanntes Berufsfeld und in das ihm bis dahin unbekannte Land Syrien. Er lernte einen Menschen hinter dem Begriff „Flüchtling“ kennen und nahm daraufhin auch an Programmrunde 3 teil.

Ahmad und Bilal

Ahmad und Bilal, wie lange kennt Ihr Euch jetzt schon?

Bilal (B): Ein Jahr ungefähr, seit dem Start der ersten Runde des Programmes.

Ahmad (A): Genau, ja, ein Jahr ist es jetzt bestimmt.

Wie war der erste Eindruck von jeweils dem anderen im Kick-Off Meeting?

A: Ich habe sofort gesehen, Bilal ist ein guter Mensch. Er ist sehr positiv.

B: Mein erster Gedanke war: „Er ist bestimmt viel älter als ich“

A: Ja? Wieso? Hattest Du Angst vor mir?

B: (lacht) Nein. Damals hatte er mehr Bart und ich dachte einfach, er muss älter sein. Das lustige ist aber, Ahmad ist sogar drei Monate jünger als ich.

A: Das stimmt. Und dein zweiter Gedanke?

B: Ahmad hat einen anderen, schwierigeren arabischen Akzent. Ich musste mich erstmal daran gewöhnen. Aber ich habe durch Ahmad auch viele tolle neue arabische Worte gelernt.

Wie liefen Eure ersten Einzeltreffen ab und worauf habt Ihr Euch im Verlauf fokussiert?

A: Unser erstes Treffen war an der TU Berlin, richtig? In einer Cafeteria dort, oder?

B: Ah stimmt. Das ist lange her.

A: Ja, mit deinem Laptop - ich habe ja keinen Laptop zum Arbeiten. Als Erstes wollten wir meinen englischen Lebenslauf übersetzen, ins Deutsche. Das ist gar nicht so leicht, vieles ist sehr anders im Deutschen. Dann mussten wir entscheiden wie wir vorgehen: „Bei einer Firma bewerben? Oder im Krankenhaus?“ Bilal hat mich letztes Jahr auch zur „Medical Convention“ [Messe für Mediziner] in Düsseldorf angemeldet. Das war total spannend und hat mir sehr geholfen. Bilal hat mich stets unterstützt, auch mit der Bewerbung an der Charité Berlin.

Für welche Position hast Du Dich an der Charité beworben?

A: Zunächst für ein Praktikum [als medizinisch technischer Assistent], von Januar bis März [2017]. Seit April habe ich meinen ersten richtigen Job und ich bin sehr glücklich. Bilal und meine deutsche Gastfamilie haben mir sehr geholfen ein neues Leben hier anzufangen.

„Nachdem Ahmad mir erzählt hat was er studiert hat, musste ich es erst einmal googlen und mich informieren (lacht).“ - Bilal

Habt Ihr auch außerhalb des Programmes Aktivitäten unternommen?

A: Ja, wir haben viel unternommen. Bilal war zum Beispiel auch mit bei meinen „deutschen Eltern“ und Bilal wiederum hat mich mit zu einer Hochzeit genommen.

B: Ja, die Hochzeit war sehr schön. Und seine Gasteltern sind ebenfalls sehr nett, wir haben schon oft gemeinsam gekocht. Sie haben ein tolles Haus, etwas außerhalb von Berlin. Ich kannte diese Gegend noch gar nicht. Das erstmal dachte ich: „Sind wir überhaupt noch in der Stadt?“ (lacht). Ich habe viele neue Ecken und Restaurants [in Berlin] durch Ahmad kennen-gelernt. Einmal waren wir durch Zufall auf einer jüdischen Backveranstaltung.

Durch Zufall?

B: Ja, wir haben es im Internet gesehen und dachten es wäre eine Veranstaltung wie bei Über den Tellerrand e.V., wo wir gemeinsam kochen, backen und Leute kennen lernen. War es dann aber nicht. Es gab viele streng gläubige Juden und es war anfangs sehr ruhig, es wurde wirklich kaum geredet. Doch dann hat sich die Stimmung gelockert und es war sehr lustig.

Was habt Ihr von dem Programm erwartet und wurden diese Erwartungen erfüllt?

A: Ich war am Anfang sehr… wie sagt man das…“lost“…

B: Du meinst „verloren“…

A: Ja, ich war verloren und ich wusste nicht wie alles funktioniert und wie ich mich in diesem Land bewerben muss. Ich habe dann viel gelernt und es besser verstanden.

B: Ich wusste nicht wirklich was mich hier erwartet. Ich wollte, wie viele Menschen, einfach helfen, aber wusste nicht genau wie. Ich war sehr aufgeregt bevor ich Ahmad kennengelernt habe. Ich hatte keine direkten Erwartungen an das Programm, ich wollte einfach sofort loslegen.

Wie ist Euer Eindruck von dem jeweils anderen jetzt?

A: Ich denke, ich habe einen Bruder von einer anderen Mutter gefunden!

B: (lacht) Toll! Ja, manchmal trifft man einfach Menschen die man sofort mag. Wir kennen uns jetzt besser als ich manche meiner langjährigen Freunde kenne. Ich glaube, wir haben uns fürs Leben kennen gelernt.

„Ich denke, ich habe mit Bilal einen Bruder von einer anderen Mutter gefunden.“ - Ahmad

Wie hat sich jeweils Euer Blick auf Syrien bzw. Deutschland verändert?

A: Ich kannte Deutschland vorher gar nicht, ich war hier oft „lost“ und wusste nicht, wie alles funktioniert; die Menschen, das System… jetzt verstehe ich alles besser.

B: Ich wusste eigentlich gar nichts über Syrien, nicht wirklich, außer aus den Medien natürlich. Ich war überrascht wie viele Syrer im Programm einen hohen Universitätsabschluss haben, ich muss zugeben, das habe ich vorher nicht erwartet. Ich hatte im Verlauf auch viele Diskussionen mit meinen Eltern. Weißt du, beide leben nun schon sehr lange in Deutschland. Sie waren von der Ankunft der Geflüchteten, den vielen Programmen und der Unterstützung nicht begeistert. Sie waren - wie viele Migranten - enttäuscht und verletzt. Sie leben schon sehr lange in diesem Land und empfanden die große Unterstützung als …na ja… ungerecht. Ich habe die Syrer im Programm als sehr produktiv und fokussiert erlebt. Ich fand das super und habe meinen Eltern erklärt: „Sie arbeiten sehr hart und haben es verdient - ihr könnt es auch schaffen!“ (lacht)

Ahmad und Bilal, vielen Dank für das angenehme Gespräch!